Entspannt sein und bleiben. Das kann sich längst nicht jeder erlauben.
Mit dem neuen Altersvorsorgedepot soll die private Altersvorsorge in Deutschland ab 2027 stärker für den Kapitalmarkt geöffnet werden. Durch Fonds und ETFs, staatliche Förderung und mehr Freiheit bei der Gestaltung der Geldanlage sollen neue Möglichkeiten geschaffen werden.
Die Frage, ob diese Möglichkeiten für den Einzelnen tatsächlich einen Vorteil darstellen, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Altersvorsorge beginnt nicht mit einem Produkt
Sie beginnt mit den persönlichen Zielen. Wie möchte ich im Alter leben und was soll meine Altersvorsorge für mich leisten?
Diese Fragen klingt zunächst selbstverständlich. Tatsächlich stellen sich viele Menschen diese Frage erst nachdem sie über Produkte, Risiken und Renditen entschieden haben.
So individuell wie das Leben, dass wir führen
Für den einen steht die größtmögliche finanzielle Unabhängigkeit im Ruhestand im Vordergrund. Ein anderer möchte möglichst früh seine Arbeitszeit reduzieren. Wieder andere möchten Vermögen flexibel verfügbar halten, ihre Familie absichern oder später Vermögen an die nächste Generation weitergeben.
Auch Sicherheit wird individuell unterschiedlich bewertet. Während der eine Kursschwankungen bewusst akzeptiert, um langfristig höhere Renditechancen nutzen zu können, hat für einen anderen die Planbarkeit seines Vermögens einen höheren Stellenwert.
Es gibt nicht die eine richtige Altersvorsorge
Im Fokus stehen zunächst persönliche Ziele – und anschließend die Frage, welche finanziellen Instrumente geeignet sind, diese Ziele zu erreichen.
Ziele verändern sich – und Altersvorsorge sollte darauf reagieren können.
Eine Altersvorsorgeentscheidung wird häufig für mehrere Jahrzehnte getroffen. Das Leben verläuft aber selten über Jahrzehnte nach einem festen Plan.
Berufliche Veränderungen, Selbstständigkeit, Familiengründung, Immobilienerwerb, Erbschaften, Veränderungen des Einkommens oder der Wunsch, früher aus dem Berufsleben auszuscheiden, können die eigenen finanziellen Prioritäten erheblich verändern.
Auch die persönliche Einstellung zu Sicherheit und Risiko kann sich verändern.
Eine Strategie, die mit 30 Jahren sinnvoll erscheint, muss deshalb mit 50 oder 60 Jahren nicht mehr unverändert richtig sein.
Gute Altersvorsorge ist keine einmalige Produktentscheidung, sondern ein langfristiger Prozess
Wir haben nur dieses eine wilde Leben und das verläuft grundsätzlich nicht planmäßig. Glücklich der, der auch finanziell wenig genug reagieren zu können, wenn es auch mal holprig wird.
Es sollten daher Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch laufend geprüft werden. Passen die eigenen Ziele noch zur finanziellen Situation und dem verbleibenden Anlagehorizont?
Was bedeutet das für das neue Altersvorsorgedepot?
Das Altersvorsorgedepot erweitert die Möglichkeiten der geförderten privaten Altersvorsorge. Gerade die stärkere Nutzung des Kapitalmarktes kann bei langen Anlagezeiträumen interessant sein.
Mehr Wahlmöglichkeiten bedeuten aber gleichzeitig mehr Eigenverantwortung.
Deshalb sollten Anleger nicht nur fragen: Welche Förderung bekomme ich?
Sondern beispielsweise auch: Welche Rolle soll dieses Depot innerhalb meines gesamten Vermögens spielen?
Ist es der zentrale Baustein meiner Altersvorsorge oder lediglich eine Ergänzung? Wie wichtig ist mir Flexibilität? Welchen Anlagehorizont habe ich? Welche Wertschwankungen kann und möchte ich tragen? Welche anderen Vermögenswerte und Vorsorgeansprüche bestehen bereits?
Erst aus diesem Gesamtbild lässt sich beurteilen, welchen tatsächlichen Nutzen das Altersvorsorgedepot haben kann.
Sieben Aspekte, die Anleger kennen sollten:
Eins – Kosten wirken langfristig
Bei einem Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten haben Kosten einen erheblichen Einfluss auf das Endvermögen.
Deshalb reicht es nicht, lediglich auf kostenlose Depotführung oder niedrige Ordergebühren zu achten. Fonds- und ETF-Kosten, mögliche Produkt- und Beratungskosten sowie weitere Gebühren sollten über die gesamte Laufzeit betrachtet werden.
Entscheidend ist, welcher Teil der erwirtschafteten Rendite langfristig beim Anleger verbleibt.
Zwei – Förderung ist ein Vorteil, kein Anlageziel
Staatliche Zulagen können das Altersvorsorgedepot attraktiv machen.
Doch Förderung sollte nie isoliert betrachtet werden.
Eine hohe Förderung kann ein wirtschaftlich interessantes Element einer Strategie sein. Sie beantwortet aber noch nicht die Frage, ob das zugrunde liegende Investment, seine Kosten, seine Risiken und seine langfristige Verfügbarkeit zu den persönlichen Zielen passen.
Die Förderung ist ein Baustein der Rechnung, nicht die Strategie selbst.
Drei – Renditechancen und Sicherheit müssen zum Anlagehorizont passen
Wer noch mehrere Jahrzehnte bis zum Ruhestand hat, kann kurzfristige Schwankungen grundsätzlich anders beurteilen als jemand, der kurz vor der Entnahme seines Vermögens steht.
Eine zu vorsichtige Anlage kann bei sehr langen Laufzeiten Renditechancen kosten. Eine zu hohe Aktienquote unmittelbar vor einer geplanten Entnahme kann dagegen erhebliche Risiken mit sich bringen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie viel Risiko ist richtig?“
Sondern:
„Wie viel Risiko passt zu meinem Ziel, meinem Anlagehorizont und meiner persönlichen Risikotragfähigkeit?“
Vier – Flexibilität hat einen Wert
Altersvorsorge ist langfristig angelegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Flexibilität unwichtig ist.
Gerade weil sich Lebenssituationen verändern können, sollte geprüft werden, welche Möglichkeiten für Beitragsänderungen, Unterbrechungen oder Anpassungen der Anlagestrategie bestehen.
Dabei gilt: Je stärker eine Anlage staatlich gefördert wird, desto genauer sollten auch die Bedingungen verstanden werden, unter denen später über das Kapital verfügt werden kann.
Fünf – Die Nettobetrachtung entscheidet
Zulagen und steuerliche Vorteile können auf den ersten Blick attraktiv erscheinen.
Für eine fundierte Entscheidung ist jedoch entscheidend, was langfristig nach Kosten und Steuern verbleibt.
Deshalb sollten unterschiedliche Vorsorgemöglichkeiten möglichst unter vergleichbaren Annahmen betrachtet werden.
Nicht das Produkt mit der höchsten Förderung oder der höchsten angenommenen Rendite ist automatisch das beste – sondern dasjenige, das im Zusammenspiel mit der persönlichen Situation den größten Nutzen erwarten lässt.
Sechs – Altersvorsorge ist nur ein Teil der Vermögensplanung
Ein Altersvorsorgedepot sollte nicht isoliert betrachtet werden.
Liquiditätsreserven, bestehende Rentenansprüche, Immobilien, Wertpapiervermögen, Versicherungen und weitere Vermögenswerte bilden gemeinsam die finanzielle Situation eines Menschen.
Wer ausreichend kurzfristig verfügbares Vermögen besitzt, kann langfristige Kapitalanlagen möglicherweise konsequenter durchhalten. Wer dagegen nahezu sein gesamtes verfügbares Kapital langfristig bindet, verliert finanzielle Handlungsmöglichkeiten.
Wir leben jetzt und das Leben stellt reichlich Ansprüche, auf die wir reagieren müssen oder möchten.
Vermögensaufbau und Altersvorsorge sollten deshalb gemeinsam gedacht werden, um für alles vorbereitet zu sein.
Wer für Überlegungen eine Anregung sucht, findet Unterstützung im Rentenschätzer oder -rechner auf der dafür vorgesehenen Webseite der Deutschen Rentenversicherung hier.
Die Frage nach der persönlichen Rentenlücke lässt sich auch mit einer Online-Hilfe einschätzen, z.B. auf der Webseite von Union Investment zum Thema Rentenlücke.
Sieben – Bestehende Lösungen erst prüfen, dann entscheiden
Auch bestehende Riester-Verträge sollten nicht allein deshalb aufgegeben werden, weil künftig ein neues Altersvorsorgedepot zur Verfügung steht.
Bestehende Garantien, Kosten, Vertragsbedingungen, angespartes Kapital, steuerliche Aspekte und die verbleibende Laufzeit können zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Deshalb gilt auch hier: Nicht pauschal wechseln, sondern individuell vergleichen und rechnen.
Die wichtigste Frage steht vor jeder Produktauswahl
Das neue Altersvorsorgedepot kann für viele Anleger interessante Möglichkeiten schaffen. Kapitalmarktorientierung, staatliche Förderung und größere Gestaltungsfreiheit sind grundsätzlich positiv. Doch kein Finanzprodukt kennt die persönlichen Ziele seines Besitzers.
Deshalb sollte am Anfang jeder Altersvorsorgeplanung nicht die Frage stehen: „Welches Produkt soll ich abschließen?“, sondern „Was möchte ich mit meinem Vermögen erreichen – heute und in den kommenden Lebensphasen?“
Erst danach lässt sich beurteilen, welche Instrumente dafür geeignet sind. Und damit ist es nicht getan. Diese Entscheidung darf sich ändern.
Denn finanzielle Ziele verändern sich ebenso wie das Leben selbst. Eine gute Vermögensstrategie berücksichtigt das und wird regelmäßig überprüft und angepasst.
Finanzielle Entscheidungskompetenz bedeutet deshalb nicht, einmal die richtige Entscheidung zu treffen. Sie bedeutet, die eigenen Ziele zu kennen, Zusammenhänge zu verstehen und Entscheidungen immer wieder selbstbestimmt überprüfen zu können.
